| Das alte Haus 2.Teil
Und da standen Stühle mit hohen Rückenlehnen, mit Schnitzwerk und mit Armen an beiden Seiten. „Setzen sie sich!“ sagten sie „Uh! Wie es in mir knackt! Nun werde ich gewiss auch Gicht bekommen, wie der alte Schrank! Gicht im Rücken! Uuuh!“ Und dann kam der kleine Knabe in die Stube, wo der alte Mann sass. „Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund!“ sagte der alte Mann. „Und Dank dafür, dass du zu mir herübergekommen bist!“ „Dank! Dank!“ oder „Knack! Knack!“ sagten alle Möbel. Es waren ihrer so viele, dass sie einander beinahe im Wege standen, um den kleinen Knaben zu sehen. Und mitten an der Wand hing ein Gemälde, eine schöne Dame, jugendlich und fröhlich aussehend, aber so gekleidet, wie in alten Tagen! Mit Puder im Haar und mit Kleidern, die steif standen. Die sagte weder „Dank“ noch „Knack“ sah aber mit ihren milden Augen auf den kleinen Knaben herab, der sogleich den alten Mann fragte: „Wo hast du die her?“ „Da drüben vom Trödler“, sagte der alte Mann. „Dort hängen immer viele Bilder; niemand kannte sie oder bekümmerte sich um sie, denn sie sind alle begraben. Aber vor vielen Jahren habe ich diese gekannt, und nun ist sie tot und fort seit einem halben Jahrhundert!“ Und hinter dem Bilde hing, hinter dem Glas, ein Strauss verwelkter Blumen; die waren gewiss auch ein halbes Jahrhundert alt. So sahen sie wenigstens aus. Und das Perpendikel der grossen Uhr ging hin und her, und die Zeiger drehten sich, und alles in der Stube wurde noch älter; aber niemand bemerkte es. „Sie sagten zu Hause“, sagte der kleine Knabe, „dass du immer allein bist!“ „Oh“ sagte er „die alten Gedanken mit alledem, was sie mit sich führen können, kommen und besuchen mich und nun kommst ja auch du! Es geht mir sehr gut!“ Und dann nahm er von dem Wandbrett ein Buch mit Bildern herunter; darin waren lange Auszüge, die wunderbarsten Kutschen, wie man sie heutzutage nicht mehr sieht; Soldaten wie Trefflebube und Bürger mit wehenden Fahnen. Die Schneider hatten eine Fahne mit einer Schere, von zwei Löwen gehalten und die Schuhmacher eine Fahne ohne Stiefel aber mit einem Adler, der zwei Köpfe hatte; denn bei den Schuhmachern muss alles so sein, damit sie sagen können: „Das ist ein Paar!“ - Ja , das war ein Bilderbuch! Der alte Mann ging in die andere Stube um Eingemachtes, Äpfel und Nüsse zu holen. Es war wirklich herrlich in dem alten Hause. „Ich kann es nicht aushalten!“ sagte der Zinnsoldat, der auf der Lade stand. „Hier ist es gar zu einsam und traurig! Nein, wenn man das Familienleben kennen gelernt hat, kann man sich an das hier nicht gewöhnen! Ich kann es nicht aushalten! Der Tag währt einem schon lang, der Abend aber noch länger, ist es gar nicht so wie drüben bei dir, wo dein Vater und deine Mutter stets vergnügt sprachen, und wo du und ihr süssen Kinder einen prächtigen Lärm machtet. Nein, wie einsam es bei dem alten Manne ist! Glaubst du, dass er Nüsse bekommt? Glaubst du, dass er freundliche Blicke oder einen Weihnachtsbaum bekommt? - Er bekommt nichts als ein Grab! - Ich kann es nicht aushalten.“ „Du musst es nicht so von der traurigen Seite nehmen.“ sagte der kleine Knabe. „Mir kommt dies alles ausser ordentlich schön vor und alle die alten Gedanken mit dem was sie mit sich führen können, kommen hier ja auf Besuch!“ „Ja, aber die sehe ich nicht und kenne ich nicht!“ sagte der Zinnsoldat. „Ich kann es nicht aushalten!“ „Das musst du!“ sagte der kleine Knabe. Der alte Mann kam mit dem vergnügtesten Gesicht und mit den schönsten eingemachten Früchten und Äpfeln und Nüssen; da dachte der Kleine nicht mehr an den Zinnsoldaten. Glücklich und vergnügt kam der kleine Knabe nach Hause und es vergingen Tage und Wochen; es wurde nach dem alten Haus hin und von dem alten Haus her genickt, dann kam der kleine Knabe wieder hinüber. Die geschnitzten Trompeter bliesen: „Schnetterengdeng! Da ist der kleine Knabe! Schnetterengdeng!“ Die Schwerter und Rüstungen auf den alten Ritterbildern rasselten und die seidenen Kleider rauschten, das Schweinsleder erzählte und die alten Stühle hatten Gicht im Rücken: „Au!“ Das war ebenso wie das erste Mal, denn da drüben war der eine Tag und die eine Stunde ganz so wie die andere.
und morgen geht die Geschichte weiter...
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