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 8. Dezember
 
 
 

 

 

 

Das alte Haus

nach Hans Christian Andersen

 

Dort unten in der Strasse stand ein altes, altes Haus. Es war fast dreihundert Jahre alt; so stand es auf dem Balken zu lesen, auf welchem in Lettern und mit Tulpen und Hopfenranken umrahmt die Jahreszahl angebracht war. Da las man ganze Verse in der Schreibart der alten Zeit und über jedem Fenster war ein Gesicht in dem Balken ausgeschnitzt, das allerlei Grimassen machte. Die eine Etage ragte ein ganzes Stück über die andern hervor, und dicht unter dem Dach war eine bleierne Rinne mit einem Drachenkopf.  Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, es lieb aber aus dem Bauche, denn die Rinne hatte ein Loch.

Alle anderen Häuser in der Strasse waren noch neu und hübsch, mit grossen Fensterschreiben und glatten Wänden. Man sah es ihnen deutlich an, dass sie nichts mit dem alten Hause zu tun haben wollten. Sie mochten wohl denken:  Wie lange soll das Gerümpel noch zum allgemeinen Skandal in der Strasse stehen? Das Gesimse steht so weit vor, dass niemand aus unseren Fenstern sehen kann, was auf jener Seite dort vorgeht! Die Treppe ist so breit wie eine Schlosstreppe, und so hoch, als führe sie auf einen Kirchturm. Das eiserne Geländer sieht ja aus wie die Tür zu einem Erbbegräbnisse, und messingene Knöpfe sind drauf – es ist wirklich zu albern!

Gegenüber standen auch neue und nette Häuser, und die dachten wie die anderen; aber am Fenster sass hier ein kleiner Knabe mit frischen, roten Wangen, mit klaren, strahlenden Augen, und dem gefiel das alte Haus besonders gut, und zwar sowohl im Sonnen- wie im Mondschein. Und wenn er nach der Mauer hinüber blickte, wo der Kalk abgefallen war, dann konnte er die wunderbarsten Bilder herausfinden, gerade wie die Strasse früher ausgesehen hatte, mit Freitreppen, Gesimsen und spitzen Giebeln; er konnte Soldaten sehen mit Hellebarden, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindwürmer herunter liefen. - Das war so recht ein Haus zum Anschauen, und da drüben wohnte ein alter Mann, der in ledernen Kniehosen ging und einen Rock mit grossen Messingknöpfen und eine Perücke trug, der man es ansah, dass sie eine wirkliche Perücke war. Jeden Morgen kam ein alter Mann zu ihm, der bei ihm rein machte und Gänge für ihn besorgte. Übrigens war der Alte in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause.  Zu weilen kam er an die Fensterscheiben und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte ihm zu, und der alte Mann nickte wieder und so wurden sie bekannt, und so wurden sie Freunde, obgleich sie niemals miteinander gesprochen hatten. Aber das war ja auch gar nicht nötig.

Der kleine Knabe hörte seine Eltern sagen: „Der alte Mann da drüben hat es sehr gut; aber er ist allein!“

Am nächsten Sonntage wickelte der kleine Knabe  etwas in ein Stück Papier, ging damit vor die Haustür und sagte zu dem, welcher die Gänge für den Alten besorgte: „Höre! Willst du dem alten Mann da drüben dies von mir bringen? Ich habe zwei Zinnsoldaten; dieses ist der eine, er soll ihn haben, denn ich weiss, dass er ganz allein ist!“

Und der alte Aufwärter sah vergnügt aus, nickte und trug den Zinnsoldaten in das alte Haus. Nachher wurde herüber geschickt, ob der kleine Knabe nicht Lust habe, selbst zu kommen und seinen Besuch zu machen. Und dazu gaben ihm seine Eltern die Erlaubnis: und so kam er nach dem alten Hause. Und die Messingknöpfe auf dem Treppengeländer glänzten weit stärker als sonst: man hätte glauben sollen, dass sie wegen des Besuches poliert worden wären. Und es war ganz so, als ob die ausgeschnitzten Trompeter – denn auf der Türe waren Trompeter ausgeschnitzt, die in Tulpen standen – aus Leibsekräften bliesen; ihre Backen sahen weit dicker aus als früher. Ja, sie bliesen: „Schmetterendeng. Der kleine Knabe kommt! Schmetterendeng!“ - Und dann ging die Tür auf. Der ganze Hausflur war mit alten Porträts behangen, mit Rittern in Harnischen und Frauen in seidenen Kleidern: und die Harnische rasselten und die seidenen Kleider rauschten! - Und dann kam eine Treppe, die ging ein grosses Stück hinauf und ein kleines Stück herunter, und dann war man auf einen Altan, der freilich sehr gebrechlich war, mit grossen Löchern und langen Spalten; aus ihnen allen wuchs Gras heraus, denn der ganze Altan, der Hof und die Mauer waren mit so vielem Grün bewachsen, dass es aussah, wie ein Garten; aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blumentöpfe, die Gesichter und Eselsohren hatten; die Blumen wuchsen aber so, wie es ihnen beliebte. In dem einen Topf wuchsen nach allen Seiten Nelken über, das heisst: das Grüne davon, Schössling auf Schössling; und die sprachen ganz deutlich: „Die Luft hat mich gestreichelt, die Sonne mich geküsst und mir auf den Sonntag eine kleine Blume versprochen, eine kleine Blume auf den Sonntag!“ Und dann kamen sie in ein Zimmer, wo die Wände mit Schweineleder überzogen waren, und auf dem Schweinsleder waren Goldblumen eingepresst.

„Vergoldung vergeht, Schweinsleder besteht!“ sagten die Wände.

 

 

Morgen wirst Du erfahren, wie die Geschichte weiter geht....

 

 

 

 

 

         
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