Advents Kalender
 25. Dezember
 
 
 

 

 

 

Wo Liebe ist, da ist Gott

In einem kleinen Stübchen im Kellergeschoss, das nur ein Fensterchen hatte, lebte einst der Schuster Martyn Awdejewitsch.

Durch das Fensterchen konnte man sehen, wie die Menschen vorübereilten und obgleich er nur die Füsse sehen konnte, erkannte Martyn sie an ihren Schuhen und Stiefeln.

Ein guter Mensch war er stets gewesen, führte ein ruhiges, freundliches Leben, ging morgens zur Arbeit und schaffte rüstige den ganzen Tag über.

Wenn er Feierabend hatte, nahm der die Lampe vom Haken, stellte sie auf den Tisch, holte aus seinem Regal die Bibel, schlug sie auf und las.

Wieder einmal hatte Martyn bis in die späte Nacht gelesen und gar nicht bemerkt, dass er eingeduselt war.

"Martyn!" hörte er plötzlich ein ganz leises Rufen neben sich.

Schlaftrunken reckte er sich und fragte: "Wer da?" Er blickte um sich, sah auf die Tür, aber keiner war da und so duselte er wieder ein... "Martyn, Martyn!!! Schau auf die Strasse, ich werde kommen."

Martyn erwachte, stand vom Stuhl auf und rieb sich müde die Augen. Er wusste nicht ob er geträumt hatte oder ob er die Worte wirklich gehört hatte. So löschte er das Licht und legte sich ins Bett.

Früh am Morgen erhob sich Martyn, betete, machte Feuer schob die Kohlsuppe und eine Grütze in den Ofen, stellte die Teemaschine an, band seine Schürze vor und setzte sich zum Arbeiten ans Fenster. Bei der Arbeit dachte er wieder an letzte Nacht und an die Stimme und so blickte er mehr durchs Fenster, als dass er arbeitete. Kam jemand mit unbekannten Stiefeln vorüber, so beugte er sich weit vor um nicht nur die Füsse zu sehen sondern auch das Gesicht.

An den Filzstiefeln erkannte er den alten Stefan. Der fing an, vor seinem Fenster den Schnee zu schaufeln und Martyn sah ihm zu, dann nahm er wieder seine Arbeit auf.

"Ganz närrisch bin ich auf meine alten Tage geworden", lachte Martyn sich selber aus. "Stefan schaufelt Schnee und ich denke, Christus wird mich besuchen kommen."

Kaum hatte er zehn Stiche gemacht, so zog es ihn wieder ans Fenster. Stefan hatte die Schaufel an die Wand gestellt - er wärmte sich wohl die Hände oder ruhte aus.

Martyn stecke sein Werkzeug ein und stellte die  Teemaschine auf den Tisch und klopfte kräftig an das Glas des Fensters. "Komm herein, alter Stefan, und wärme dich auf, es ist sehr kalt!" rief er dem Alten zu.

"Christus steh usn bei! Die Knochen schmerzen, so kalt ist es", entgegnete ihm Stefan. Er schüttelte den Schnee ab, wischte sich die Füsse sauber und trat ein; sein Gang war unsicher. Martyn goss zwei grosse Gläser ein uns schob das eine Glas seinem Gast zu. Stefan trank zügig, stellte das leere Glas hin und dankte. "Trink", forderte Martyn den Gast auf und goss das Glas erneut voll.

Stefan trank und blickte dabei auf die Strasse. "Erwartest du jemanden?" erkundigte er sich. "Ob ich jemanden erwarte? Ich muss mich ja schämen zu sagen, wen ich erwarte. Siehst du, Brüderchen, gestern habe ich in der Bibel gelesen von unserem Herren Christus, wie er auf die Erde ging und wie er zum Pharisäer kommt, der ihn ohne Feier empfängt. Ja uns siehst du, geschähe das mir, ich wüsste nicht, wie ich ihn zu empfangen hätte. Ich dachte darüber nach und bin eingeduselt, da hat jemand meinen Namen gerufen und gesagt dass er morgen kommen wolle. Und so geschah es mir gleich zweimal. Ich musste mich selber auslachen - aber ich erwarte ihn dennoch unseren Herrn."

Stefan sagte nichts, trank und stellte sein Glas hin, Martyn aber goss erneut ein. "Trink doch noch" sagte er freundlich zu Stefan. Der aber bedankte sich, bekreuzigte sich, schob das Glas fort und stand auf. "Danke Dir Martyn, du hast mir wohl getan, hast meinen Durst gestillt und auch meine Seele gesättigt." Mit diesen Worten ging Stefan hinaus. "Kehre einmal wieder bei mir ein, Stefan" rief ihm Martyn hinterher.

Er trank den letzten Tee, räumte das Geschirr auf und machte sich daran sein Tagwerk zu tun. Während seiner Arbeit blickte er oft durchs Fenster. Bald kam eine Frau mit wollenen Strümpfen und Dorfschuhen daher. Sie blieb einen Augenblick am Fenster stehen. Martyn blickte auf und sah eine fremde Frau, schlecht gekleidet und mit einem Kind im Arm. Sie lehnte sich an die Wand und wickelte das Kind ein - und hatte doch gar nichts um das Kind einzuwickeln. Durch das Fenster hörte Martyn das Kind weinen; sie wollte es beruhigen und konnte es doch gar nicht beruhigen. Martyn ging zur Tür und rief von der Treppe aus: "Gute Frau! Gute Frau!" Sie sah sich um.

"Was stehst du mit dem Kindchen in der Kälte? Komm in die Stube, in der Wärme wirst du es besser wickeln und beruhigen können."

Verwundert sah ihn die Frau an - ein alter Mann mit einer Schürze und einer Brille auf der Nase rief sie zu sich. Sie folgte ihm in die Stube und der Alte führte sie zum Bett. "Hierher setz dich, liebe Frau, das ist näher beim Ofen; wärme dich und stille dein Kind."

"Ich hab keine Milch mehr in meiner Brust, denn seit Tagen habe ich selber nichts gegessen", antwortete die Frau, legte das Kind aber dennoch an ihre Brust.

Traurig schüttelte Martyn seinen Kopf, ging zum Tisch hin, holte sein Brot und einen Napf, öffnete die Ofentür und goss in den Napf ein bisschen von der Kohlsuppe. "Komm und iss, gute Frau."

Diese bekreuzigte sich und setzte sich an den Tisch und begann hastig zu essen. Martyn hatte mitleid und fragte: "Du hast sicher auch keine gute Kleidung?" "Ach wie sollte ich gute, warme Kleidung haben, Väterchen, Gestern musst ich mein letztes Tuch für etwas Geld verkaufen." Sie ging zum Bett und nahm ihr Kind. Martyn stand auf und nahm von der Wand seinen Halbrock. "Nimm", sagte er "Zwar ist es auch nur ein schlechtes Stück, aber zum Einwickeln wird es wohl taugen." Die Frau sah auf das Kleidungsstück, dann auf den Alten, nahm den Rock und weinte. "Der Herr beschütze dich, er muss es gewesen sein, der mich vor Dein Fenster schickte. Ohne dich wäre mein Kind erfroren."

Als die Frau gegangen war, setzte sich Martyn wieder zur Arbeit. Er arbeite ein wenig, die Dunkelheit hatte sich schon bemerkbar gemacht, dann legte er seine Instrumente ganz weg, fegte aus, stellte die Lampe auf den Tisch und holte vom Regal seine Bibel. Wie er das Buch aufschlug entsann er sich an seinen gestrigen Traum und es war ihm als höre er hinter sich Schritte. Er sah sich um Menschen standen in der Ecke, er konnte sie aber nicht erkennen und eine Stimme flüsterte:

"Martyn, Martyn, hast du mich nicht erkannt?"

"Wen?" fragte Martyn.

"Mich", sagte die Stimme "Ich bin es" und es trat aus der dunkeln Ecke Stefan - er lächelte und zerrann wie ein Wölkchen.

"und auch das bin ich" sagte die Stimme und aus der Ecke trat die Frau mit ihrem Kinde - lächelte und zerrann wie Stefan.

Fröhlich wurde es Martyn nun tief in seiner Seele und er begriff plötzlich, dass der Traum ihn nicht betrogen hatte. sondern dass zu ihm an diesem Tag Christus gekommen war und er ihn empfange hatte.

nach Leo Tolstoi

 

 

 

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