| Das alte Haus 3. Teil
„Ich kann es nicht aushalten!“ sagte der Zinnsoldat. „Ich habe Zinn geweint! Hier ist es zu traurig! Lass mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine verlieren! Das ist doch eine Veränderung. - Ich kann es nicht mehr aushalten! - Nun weiss ich, was es heisst, Besuch von seinen alten Gedanken und allem, was sie mit sich führen können, zu bekommen. Ich habe Besuch von den meinigen gehabt, und du kannst glauben, das ist auf die Länge hin kein Vergnügen. Ich war zuletzt nahe dran, von der Lade herunter zuspringen. Euch alle da drüben im Hause sah ich so deutlich, als ob ihr wirklich hier wäret. Es war wieder Sonntagmorgen, wo ihr Kinder alle vor dem Tische standet und den Psalm absangt den ihr jeden Morgen singt. Ihr standet andächtig mit gefalteten Händen und Vater und Mutter waren ebenso feierlich gestimmt, da ging die Tür auf und die kleine Schwester Maria, die noch nicht zwei Jahre alt ist und immer tanzt, wenn sie Musik oder Gesang hört, welcher Art dieser auch sein mag, wurde hereingesetzt. - Sie sollte zwar nicht, aber sie fing an zu tanzen, konnte jedoch nicht recht in den Takt kommen, denn die Töne waren zu lang gezogen und deshalb stand sie erst auf dem einen Bein und hielt den Kopf vorne über, aber es reichte nicht aus. Ihr standet alle sehr ernsthaft obgleich das etwa schwer fiel, aber ich lachte innerlich und deswegen fiel ich vom Tische herunter und bekam eine Beule, mit der ich noch umher gehe, denn es war nicht recht von mir, dass ich lachte. Aber dies alles, und alles, was ich sonst erlebt habe, geht mir jetzt wieder in meinem Inneren vorüber und das sind wohl die alten Gedanken, mit allem, was sie mit sich führen! Sage mir, ob ihr noch des Sonntags singt? Erzähle mir etwas von der kleinen Maria! Und wie geht es meinem Kameraden, dem anderen Zinnsoldaten? Ja, der ist freilich recht glücklich! - Ich kann es nicht aushalten!“ „Du bist weggeschenkt“, sagte der Knabe, „du musst bleiben. Kannst du das nicht einsehen?“ Und der alte Mann kam mit einem Kasten in dem manches zu sehen war. Schminkdöschen und Balsambüchsen, alte Karten, so gross und so vergoldet, wie man sie jetzt nicht mehr zu sehen bekommt. Es wurden mehrere Kästchen geöffnet; auch das Klavier, in dieses waren in wendig auf dem Deckel Landschaften gemalt, aber es war heiser, als der Mann darauf spielte. Dann nickte er dem Bilde zu, das er beim Trödler gekauft hatte und des alten Mannes Augen leuchteten dabei gar klar. „Ich will in den Krieg! Ich will in den Krieg!“ rief der Zinnsoldat so laut, wie er nur konnte und stürzte sich auf den Fussboden hinab. Ja, aber wo blieb er? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte. Fort war er und fort blieb er. „Ich werde ihn schon finden“, sagte der alte Mann, aber er fand ihn nie, der Fussboden war offen und durchlöchert. Der Zinnsoldat war durch eine Spalte gefallen. Da lag er nun wie in einem offenen Grabe. Der Tag verging und der kleine Knabe kam nach Hause und es vergingen mehrere Wochen. Die Fenster waren ganz zugefroren und der kleine Knabe musste auf die Scheiben hauchen um ein Guckloch nach dem alten Hause zu machen. Da war Schnee in alle Schnörkel und Inschriften geweht und bedeckte die ganze Treppe, als wenn niemand im Hause sei. Und es war auch niemand im Hause, der alte Mann war gestorben. Am Abend hielt ein Wagen vor der Türe und auf denselben setzte man ihn in seinem Sarg. Er sollte draussen auf dem Lande in seiner Familiengruft ruhen. Da wurde er nun hingefahren, aber niemand gab ihm das Geleit, alle seine Freunde waren tot. Der kleine Knabe warf dem Sarge, als dieser vorüber gefahren wurde Kusshändchen nach. Einige Tage nachher wurde Auktion in dem alten Hause gehalten und der kleine Knabe sah aus seinem Fenster wie man die alten Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit den langen Ohren, die Stühle und die alten Schränke weg trug. Eines kam hierhin, ein anderes dorthin, ihr Porträt, das vom Trödler gekauft war, kam wieder zum Trödler, und da blieb es hängen, denn niemand bekümmerte sich um das alte Bild. Im Frühjahr riss man das Haus selbst ein, es sei ein Gerümpel, sagten die Leute. Man konnte von der Strasse gerade in die Stube zu dem schweinsledernen Überzug sehen, der zerfetzt und abgerissen wurde und das Grün des Altans hing verwildert um die einsturzdrohenden Balken herum. - Und nun wurde hier aufgeräumt. „Das half!“ sagten die Nachbarhäuser. Es wurde ein herrliches Haus aufgebaut mit grossen Fenstern und weissen, glatten Mauern, aber vor dem Platz, wo das alte Haus gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt und an der Mauer des Nachbarn wuchsen wilde Weinranken empor, vor dem Garten kam ein grosses eisernes Gitter mit einer eiserner Tür, das sah stattlich aus. Die Leute blieben davor stehen und guckten hindurch. Und die Sperlinge setzten sich zu Dutzenden auf die Weinranken und schwatzten durcheinander, so laut sie konnten, aber nicht von dem alten Hause, denn dessen konnten sie sich nicht erinnern. Es waren ja viele Jahre vergangen – so viele, dass der kleine Knabe zu einem Manne ja zu einem tüchtigen Manne herangewachsen war, an dem seine Eltern Freude hatten. Er hatte eben geheiratet und war mit seiner Frau in das Haus gezogen, vor dem sich der Garten befand und hier stand er neben ihr, während sie eine Feldblume einsetzte, die sie sehr hübsch fand. Sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und drückte die Erde mit ihren Fingern fest an. „Au! Was war das?“ Sie stach sich. Aus der weichen Erde ragte etwas Spitzes hervor. Das war – ja denkt einmal – das war wirklich der Zinnsoldat, der zwischen Zimmerholz und Schutt sich lange umher getrieben und nun schon viele Jahre in der Erde gelegen hatte. Die junge Frau trocknete den Soldaten erst mit einem grünen Blatt ab und dann mit ihrem feinen Taschentuche – das duftete wunderschön. Und es war dem Zinnsoldaten gerade so zumute, als ob er aus einer Ohnmacht erwache. „Lass mich ihn sehen!“ sagte der junge Mann, lächelte und schüttelte dann den Kopf: „Ja, der kann es nun freilich wohl nicht sein, aber er erinnert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsoldaten, den ich hatte, als ich ein kleiner Knabe war.“ Und dann erzählte er seiner Frau von dem alten Haus und dem alten Manne und von dem Zinnsoldaten, den er ihm hinübergeschickt hatte, weil er allein war, so dass der jungen Frau die Tränen in die Augen traten über das alte Haus und den alten Mann. „es ist doch möglich, dass dies derselbe Zinnsoldat ist!“ sagte sie „Ich will ihn aufbewahren und will dessen gedenken, was du mir erzählt hast, aber das Grab des alten Mannes musst du mir zeigen.“ „Ja, ich weiss nicht, wo das ist“, antwortete er, „und das weiss niemand. Alle seine Freunde waren tot; keiner pflegte dasselbe und ich war ja ein kleiner Knabe!“ „Ach, wie der wohl allein gewesen sein mag!“ sagte sie. „Ja, allein!“ sagte der Zinnsoldat. „Aber herrlich ist es, nicht vergessen zu werden!“ „Herrlich“ rief eine Stimme ganz nahebei, aber niemand ausser dem Zinnsoldaten, sah, dass diese von einem Fetzen der schweinsledernen Tapete herkam, der nun ohne alle Vergoldung war. Er sah aus wie nasse Erde. Aber eine Ansicht hatte er doch und die sprach er aus. „Vergoldung vergeht, Aber Schweinsleder besteht!“
Allein, der Zinnsoldat glaubte das nicht.
Ende
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